Mal gleich vorab — ich bin nicht gegen das Gendern, da habe ich meinen Standpunkt von vor drei Jahren im Beitrag Ach Mensch*! nicht geändert. Sprache formt Wirklichkeit und alle Geschlechter sollen ihren gleichwertigen Platz darin haben. Aber manchmal stoße ich auf Angelegenheiten, die sich als ziemlich kompliziert erweisen.
Beim Überarbeiten meiner Landingpage Digitalkompetenz60+ blieb ich an einer Frage hängen, die größer war als gedacht: Bin ich nun Kooperationspartner oder Kooperationspartnerin? Ich entschied mich für den Partner. Nicht, weil ich mein Geschlecht verbergen möchte, sondern weil ich das Institutionelle betonen und nicht den Eindruck erwecken wollte, ich sei die weibliche Ansprechpartnerin in einer Auswahl. Ganz schön tricky! Denn es bleibt das ungute Gefühl, dass manche meiner Zielgruppe denken, hey, die hat’s ja wohl nicht so mit dem Gendern, passt das zu uns?
Woran wird gemessen?
Nehmen wir das Lob: „Sie zählt zu den besten Chirurginnen“. Wer konsequent im Gender-Modus denkt, wird das weibliche Sie hier automatisch mit der Endung -in verbinden. Grammatikalisch vergleichen wir die Chirurgin damit jedoch nur innerhalb ihres eigenen Geschlechts. Zählt sie nicht zu den besten unter allen Chirurgen, gleich welchen Geschlechts?
So ist es auch in meinem Fall: Wenn ich mich als „Kooperationspartner“ bezeichne, beanspruche ich den Platz auf dem gesamten Feld, nicht nur in der Damennische.
Rolle ohne Gesicht: Die Ansprechperson
Weiter geht’s mit einem Klassiker der Gendersprache: der Ansprechperson. Wer konsequent neutral formulieren möchte, greift zu Person, weil dieses Wort Frauen, Männer und Diverse einschließt. Es ersetzt den/die Ansprechpartner/in und bezeichnet eine für bestimmte Anliegen definierte Stelle.
Das Wort „Person“ stammt vom lateinischen persona ab – der Maske, die Schauspieler im antiken Theater trugen. Insofern passt diese Rolle ohne Gesicht durchaus zu Ansprechpersonen im Datenschutz- oder Sicherheitsbereich, wo mit der Nennung einer Person einer Pflicht nachgekommen wird. Wird aber ein Dialog explizit angestrebt, klingt da nicht ein Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin, die, auf Augenhöhe, die Hand reicht, viel schöner? Und doch findet die Ansprechperson oder Kontaktperson immer häufiger gerade dort Verwendung. Interessanterweise erfinden Marketingabteilungen mit Begeisterung „Personas“ — fiktive Idealfiguren für umworbene Zielgruppen. Noch ein Grund mehr, die echten Menschen hinter all den Personas nicht aus den Augen zu verlieren.
Kraft oder Mensch?
Dann wäre da noch die allgegenwärtige -kraft, mit der man die Genderfrage umschifft: Lehrkraft, Reinigungskraft, Servicekraft.
Das klingt erstaunlich wenig nach Mensch und erstaunlich viel nach Maschinenpark. Kraft ist etwas, das man einsetzt, misst, ersetzt. Aber hinter jedem Lehrer oder jeder Lehrerin steht ja ein Mensch, eine Persönlichkeit, die ganze Biografien prägt. Eine „Kraft“ ist austauschbar und funktional, es bleibt nur die Mechanik der Arbeit übrig — möge sich dieser Beruf nie so anfühlen.
Im Hamsterrad der Partizipien
Besonders spannend wird es beim Partizip Präsenz, das umständliches Gendern vermeiden soll: Studierende, Teilnehmende,. Lehrende.
Grammatisch ist das völlig korrekt, und inhaltlich auch gut gemeint. Doch semantisch verschiebt sich etwas. Denn ein Partizip Präsens beschreibt eine Tätigkeit, die gerade stattfindet. Reisende sind Reisende, solange sie reisen. Wartende warten – und hören irgendwann damit auf. Doch studieren Studierende wirklich rund um die Uhr, auch als Reisende und Wartende?
Aus einem Status wird ein permanentes Tun. Da mag sich manch Studierende/r schnell wie im Hamsterrad fühlen. (Und siehe da — die Partizipialkonstruktion funktioniert als Lösung für korrektes Gendern leider auch nur im Plural!)
Fazit
Wenn wir Inklusion über Abstraktion erreichen wollen, gewinnen wir vielleicht ein sauberes Formular, verlieren dabei aber nicht nur die Präzision, sondern auch die Einladung zum Dialog und ein Stück Menschlichkeit. Wir brauchen eine Sprache, die nicht nur korrekt ist, sondern die man auch gerne hört. Denn am Ende des Tages wollen wir keine „Personas“ erreichen – sondern Menschen.


