Sprache strukturiert Wahrnehmung, lenkt Aufmerksamkeit und entscheidet darüber, wie differenziert wir die Welt erfassen. Je nuancierter ein Wort ist, desto genauer lässt sich mit ihm denken.
●●●
Anglizismen ergänzen unseren Wortschatz immer mehr, wen wundert’s: Kurz, eingängig, global verständlich stellen sie einen schnellen Konsens her und erzeugen das Gefühl, sich zu verstehen – auch ohne tiefergehende Sprachkenntnisse. (Mehr dazu in Lingua Franca.)
Ein Wort wie random hat zum Beispiel längst einen festen Platz im Deutschen gefunden. Es steht nicht nur “zufällig”, sondern dient als Platzhalter für alles, was ungeplant, überraschend oder diffus wirkt. Auch der Move vermittelt mehr als die reine Handlung oder den Schachzug – er steht für alles von „cool improvisiert“ bis „wer hätte das gedacht“. Zwar nicht wissenschaftlich belegt, aber ich würde behaupten, die Wirkung moderner Anglizismen liegt weniger in der begrifflichen Schärfe als im Atmosphärischen.
Diese Form der Verständigung macht nicht nur Spaß, sondern sie verbindet, erleichtert und macht Sprache beweglich. Als Philologin schlägt mein Herz jedoch höher, wenn ein Wort auftaucht, das nicht nur schnellen Konsens herstellt, sondern Präzision erzwingt. Neben den allgegenwärtigen Anglizismen hält unsere europäische Sprachgeschichte eine Fülle solcher Fremdwörter bereit, denen es zugleich nicht an Strahlkraft mangelt. Damit kommen wir zu meinem ersten Fundstück: Auratisch. Der von mir sehr geschätzte Ijoma Mangold verwendete es im ZEIT-Podcast, und es inspirierte mich zu diesem Beitrag.
Aus dem Griechischen: Die Präzision des Wesens
Auratisch: beschreibt eine fast kultische Ausstrahlung, einen besonderen Glanz. In einer Gegenwart, in der vieles als teilbarer Content zirkuliert, bezeichnet auratisch eine Präsenz, die sich nicht übertragen lässt. Ein Werk, ein Moment, eine Erfahrung, die weder konsumiert noch kopiert werden kann.
Idiosynkratisch: setzt sich zusammen aus idios (eigen), syn (zusammen) und krasis (Mischung). Es beschreibt die ganz persönliche Mischung von Eigenschaften, die nur dieser eine Mensch in sich vereint. Ein idiosynkratischer Charakter lässt sich nicht kopieren, er entzieht sich jedem Schema und wirkt dadurch oft faszinierend, manchmal auch irritierend.
Phantasmagorisch: ein überbordender, traumhaft-verwirrender Eindruck, der sich ständig verwandelt – ein Übermaß an Eindrücken, das sich jeder festen Ordnung entzieht. Der Begriff führt zurück auf phantasma (Erscheinung, Trugbild) und agoreuein (öffentlich vorführen). Er beschreibt perfekt die Bildgewalt in Blade Runner 2049: Wenn gigantische Hologramme durch dichten Wüstenstaub flackern, verschwimmen die Grenzen zwischen physischer Realität und bloßem Lichtspiel zu einem rauschhaften Spektakel.
Aus dem Lateinischen: Die Eleganz der Art und Weise
Manche lateinische Fremdwörter klingen vertraut, ohne es zu sein. Sie verlangen nach genauerem Hinsehen.
Kollegialiter: Wird häufig im juristischen Kontext verwendet und bedeutet “kollegialerweise”. Dabei schwingt der Hauch von exklusivem Kreis mit – sozusagen lateinisch für “alte Seilschaft”. Eine Form der Zusammenarbeit, die sich über den bloßen Dienstweg erhebt.
Realiter:Fußt auf realis (sachbezogen, von res für „Ding“) und bezeichnet das Handeln „auf dem Boden der Tatsachen“. Das ernüchternde Adverb zwingt uns dazu, die Welt nicht als Entwurf, sondern als ungeschliffene Materie zu begreifen.
Idealiter: Geleitet vom spätlateinischen idealis (dem Urbild entsprechend), beschreibt es das Handeln im Modus der reinen Lehre – das „Idealerweise“ als systematischer Goldstandard. Es ist der Rückzug in die makellose Architektur des Denkens, wo die Welt noch nach den Regeln der Vernunft funktioniert.
Das Spektrum der Extreme
Der klassische Wortschatz hilft uns, das Unfassbare zu benennen:
Dystopisch: Der Begriff ist das Gegenstück zur Utopie – ein „Ort, der nicht existiert“ (ou-topos), wie ihn Thomas Morus 1516 als imaginäre Idealwelt prägte. Dystopie (dys = schlecht, miss-) beschreibt keine bloß „schlechte Zukunft“, sondern eine Ordnung, in der grundlegende Vorstellungen von Mensch, Freiheit oder Zusammenleben ins Negative gekehrt sind.
Euphorisch: Das Wort geht auf das griechische euphoría zurück – das „gute Tragen“, ursprünglich ein medizinischer Begriff. Euphorie meint daher nicht einfach Freude, sondern einen Zustand des Getragenseins, der über das Alltägliche hinausweist. Eine Begeisterung, die fast körperlich wird und sich dem nüchternen Maß entzieht.
Ephemer: Vom griechischen ephḗmeros – „nur für einen Tag“. Ephemeres ist nicht einfach kurzlebig, sondern von vornherein auf Vergänglichkeit angelegt. Der Begriff enthält bereits das Wissen um sein Ende und verleiht dem Moment gerade dadurch eine besondere Intensität.
Fazit
Die Mischung macht’s: Anglizismen bringen Tempo und verbinden schnell, klassische Fremdwörter schenken Präzision und öffnen Räume für Nuancen — “sag es treffender”. Wer die richtigen Wörter wählt, erfasst Atmosphäre und Bedeutung zugleich.
P.S. Wer beim Titel nicht sofort die Melodie im Kopf hatte: „Parole, Parole“ ist ein Klassiker der 70er (im Original von Mina). Immer nur Wörter, das leere Gerede besang sie.