Markenfarben Wirkung

Blinder Fleck

Als treue Leserin etablierter Tages- und Wochenzeitungen freue mich immer über neues Wissen, gute Analysen und gelungene Formulierungen. Mein kritisches Auge schaut jedoch immer mit – und dabei ist mir etwas in der gestalterischen Aufbereitung politischer Beiträge aufgefallen:

In längeren Berichten über die AfD werden Bilder, Grafiken und Farbflächen häufig in den mit der Partei verbundenen Farbcodes gestaltet. Eine vergleichbare visuelle Präsenz der Farbwelten anderer politischer Akteure ist mir bislang nicht begegnet. Was steckt dahinter? Werfen wir einen Blick auf die Wirkung von Markenfarben und mögliche blinde Flecken in der visuellen Kommunikation.


Über die Wirkung von Markenfarben

Markenfarben sind nicht neutral. Sie sorgen für Wiedererkennung und emotionale Verankerung. Das ist schließlich ihre Aufgabe: durch konsequente Wiederholung Farben mit einem Markenprodukt, einem Unternehmen oder eben auch einer politischen Partei verbinden. Man denke nur an das Magenta der Telekom – eine Farbe, die durch jahrelange, zielgerichtete Markenarbeit fast untrennbar mit dem Unternehmen verschmolzen ist.

Deshalb ist es interessant, wenn diese Farbcodes nicht nur innerhalb der eigenen Kommunikation und Community (wie das blaue Herz auf Social Media) auftauchen, sondern auch in der Gestaltung unabhängiger journalistischer Beiträge. Und zwar nicht nur als kleine rote und blaue Akzente, sondern durchaus als prägende Gestaltungselemente: in eingefärbten Fotografien, großen Farbflächen oder grafischen Kompositionen. Wie in diesem kürzlich erschienenen Themenschwerpunkt der SZ:

Wenn kritische Berichterstattung Markenfarben einer Partei unkritsch übernimmt
Markenfarben wirken

Quellen: SZ vom 4. Aug. 2026, „Wenn die AfD Schule macht“, Titelseite und „Thema des Tages“ S. 2: Rot und Blau als prägende Gestaltungselemente in der Aufbereitung eines Themenschwerpunkts zur AfD. Die Kleidung von Merz und Bas sehen wir einfach einmal als eine ziemlich perfekte Trouvaille für die gewählte Farbwelt

Warum gerade diese Partei?

Vor weiteren Gedanken über Einsatz und Wirkung der Markenfarben der Partei müssen wir kurz einen Schritt zurückgehen. Die AfD ist derzeit angesichts der anstehenden Landtagswahl, hoher Zustimmungswerte und ihrer besonders „kontroversen“ Positionen politisch und gesellschaftlich bedeutsam. Der Fokus der Medien auf sie hat also nachvollziehbare Gründe. Nachrichtenwert rechtfertigt Raum, und mehr Raum eröffnet mehr Möglichkeiten für aufwändige Gestaltung.

Die hier aufgegriffenen Beiträge sind durchweg eine kritische Auseinandersetzung — es geht also keineswegs darum, eine Parteinahme zu unterstellen. Mein Aspekt ist ein anderer: Mir ist noch nie ein längerer Beitrag über beispielsweise Die Linke unter die Augen gekommen, der ganz selbstverständlich in Rot und Magenta inszeniert wurde. Auch bei anderen Parteien scheint deren visuelle Identität wesentlich seltener zum gestalterischen Rohstoff des journalistischen Beitrags zu werden.

Die besondere visuelle Präsenz ist also vermutlich primär die gestalterische Entsprechung einer besonderen redaktionellen Aufmerksamkeit: Das Thema ist wichtig, also wird es groß, auffällig und visuell eigenständig aufbereitet. Das ist erst einmal nicht problematisch, im Gegenteil: Journalismus soll relevante Entwicklungen sichtbar machen. Doch wenn der Nachrichtenwert der AfD die aufwändige Gestaltung erklärt, warum wird dafür dann so häufig ausgerechnet deren eigene Farbwelt verwendet? Was passiert, wenn die visuelle Identität des politischen Akteurs zum Gestaltungsmaterial der journalistischen Berichterstattung wird?

Rot und Blau als Blickfänger

Oberflächlich betrachtet, sind Rot und Blau zunächst eine gestalterisch attraktive Kombination. Sie erzeugen Kontrast, funktionieren gut auf dem Grau-Weiß einer Zeitungsseite und lassen sich in großen Farbflächen ebenso einsetzen wie in kleinen Akzenten; ein dankbares Werkzeug für Editorial Designer. Rot bringt zudem eine eigene Signalwirkung mit – es gilt als Farbe für Gefahr und Dringlichkeit. Und genau das mag dann der Ausgangspunkt sein: Eine optisch überzeugende Lösung, die zugleich zum Gegenstand passt.

Nur ist diese Farbkombination im Kontext deutscher Politikberichterstattung heute nicht mehr beliebig: Rot-Blau ist inzwischen unmittelbar mit der AfD verbunden und transportiert daher eine zweite Information: die Marke AfD. Damit verändert sich die Funktion der Farbe. Sie illustriert nicht mehr nur das Thema, über das berichtet wird, sondern aktiviert zugleich die Verbindung zu einer bereits etablierten Marke. Mit jeder erneuten Assoziation von Farbwelt und Name verstärkt sich ihre Wiedererkennbarkeit.

Auf diese Weise leistet journalistische Gestaltung etwas, was eigentlich Aufgabe der politischen Markenkommunikation ist: die Verbindung von Partei und visueller Identität immer wieder herzustellen und dadurch die Marke präsent zu halten. Sie ist nicht als Werbung gedacht – und übernimmt doch einen Teil der Markenarbeit.

Visusal Framing
Farbwelten einer Marke in politischer Berichterstattung

Quellen: Zwei Beispiele aus der ZEIT: „Kein Grund, stolz zu sein?“ (13. Aug. 2026, S. 41) und „Was die Neue Rechte liest“ (1. Feb. 2024, S. 4) – hier prägen Rot und Blau die Gestaltung auf besonders auffällige Weise.

Ästhetische Inszenierung

Eine Zeitung muss Aufmerksamkeit erzeugen. Gerade längere Texte brauchen Bilder, Grafiken und Farbflächen, damit sie nicht zur Bleiwüste werden. Gute Gestaltung strukturiert, erklärt und macht neugierig.

Aber die Form kann auch selbst zum Schauwert werden. Zwei besonders auffällige Beispiele habe ich in der ZEIT gefunden. Dabei habe ich mich gefragt: Wenn die Gestaltung, wie hier, so stark auf ihre eigene ästhetische Wirkung setzt, gewinnt die Frage „Wie sieht das aus?“ gegenüber „Was vermittelt das?“ an Gewicht. Haben wir hier einen blinden Fleck bei den Blattmachern?

Beide Beiträge sind absolute Blickfänger. Das Setzen des Textes in eine komplexe Buchgrafik sowie große Farbflächen, geometrische Formen und eine starke Komposition machen aus einer Zeitungsseite ein kleines visuelles Ereignis. Vor dem Einstieg in den Text steht das Staunen über den grafischen Detailreichtum. Eine kreative, saubere Leistung, in die vermutlich auch recht viel Zeit investiert wurde. Ich habe für mich selber gespürt, dass meine Aufmerksamkeit für den Inhalt in die Aufmerksamkeit für die Gestaltung gekippt ist, und das nicht nur aus professionellen Gründen: Das Lesen der in die Form eingepassten und daher nicht durchweg bündigen Textspalten empfand ich als ausgesprochen anstrengend, sodass ich es fast drangegeben hätte.

Ein politisches Thema wird hier nicht nur erklärt oder bebildert. Es wird ästhetisch inszeniert. Und je gelungener diese Inszenierung ist, desto stärker kann sie selbst in Erinnerung bleiben. Die optische Attraktivität des Beitrags beginnt, unabhängig von seinem eigentlichen Informationswert, selbst zum Erlebnis zu werden.

Das Bauhaus im AfD-Look

Das Thema des Beitrags vom 13. August in der ZEIT ist, wie die AfD in Sachsen-Anhalt das Bauhaus zu ihrem kulturpolitischen Hauptfeind erklärt hat – der Artikel zeichnet minutiös nach, wie die Partei dem Bauhaus-Erbe vorwirft, für die „Entwurzelung“ der deutschen Identität zu stehen, und zieht die historische Linie zur nationalsozialistischen Kulturpolitik gegen die Moderne.

Der Text arbeitet heraus, dass es zwischen AfD und Bauhaus keine legitime Nähe gibt, sondern eine erklärte Feindschaft. Die Gestaltung ist im Gegensatz dazu ein bewusster Rückgriff auf die geometrische Formensprache des Bauhauses und dessen charakteristische Primärfarbenwelt aus Rot, Blau und … genau: Das Gelb fehlt. Ich kann durchaus nachvollziehen, wie ein Gestalter das als glücklichen Fund wahrnimmt: Bauhaus-Ästhetik, geometrische Formen, Rot und Blau, das Gelb einfach weglassen – und schon haben wir den perfekten Bezug und Blickfang für die Aufmachung des Themas.

In der Darstellung verschmilzt die AfD-Farbwelt mit der Bauhaus-Ikonografie zu einem einzigen, geschlossenen Bild: Kreis, Halbkreis, Rot-Blau-Komposition. Was der Text als Trennlinie herausarbeitet, hebt die Bildsprache also wieder auf. Diese aus einer ästhetischen Spielerei entstandene Nähe zu einer Partei, die in der Denktradition derer steht, die das Bauhaus einst zerschlagen haben, halte ich für sehr problematisch.

Ist ein guter visueller Fund auch immer eine gute Idee?

Ein starkes visuelles Konzept ist etwas Wertvolles. Man freut sich, wenn Farben, Formen und Thema plötzlich perfekt zusammenpassen. Gerade im Zeitungsdesign müssen schnell Lösungen gefunden werden, die auf einer Seite funktionieren und Aufmerksamkeit erzeugen. Aber funktionieren und sinnvoll sein ist nicht immer dasselbe. Eine Gestaltung kann ästhetisch gelungen sein und trotzdem eine Nebenwirkung haben, die vielleicht nicht bedacht wurde. Bei Markenfarben ist das besonders relevant, denn sie sind, wie oben beschrieben, keine beliebigen Farbtöne, sondern Teil einer visuellen Identität. Wer sie verwendet, arbeitet deshalb immer auch mit dieser vorhandenen Bedeutung – ob beabsichtigt oder nicht.

Markenfarben der Partei auf der Titelseite
Hier ist nur das Rot Teil der Markenfarbe
Aufbereitung von AfD Themen mit Markenfarben

Quellen: Aus der SZ vom 14. Aug. 2026 „Soll die AfD verboten werden“ Titelseite und „Buch Zwei“ 14./15./16. Aug. S. 9 ff. Aus der ZEIT vom 06. Aug. 2026 S. 29: „Heißt das, wir stören nur?“ Der Umgang mit Markenfarben der Partei geht also auch (fast) anders.

Der blinde Fleck

Und da liegt womöglich genau der blinde Fleck. Eine Redaktion bewertet vor der Veröffentlichung die Qualität des Inhalts und der gestalterischen Aufbereitung, dies auch in ihrer Wechselwirkung. Aber wer hat die übergeordnete Botschaft im Blick: Wessen visuelle Sprache wird hier eigentlich gerade verwendet?

Politische Themen lassen sich auch auf anderen Wegen aufmerksamkeitsstark und doch mit stärkerer visueller Distanz gestalten – über Fotografie, Typografie, Informationsgrafik, Kontraste, Komposition oder eine eigenständige Farbdramaturgie. Das zeigen die beiden rechten Beispiele der obigen Abbildungen: Während die SZ-Rubrik „Buch Zwei“ auf eine Metapher setzt (die Illustration der kippenden Säulen als Gefahr für die Unabhängigkeit der Justiz, wobei das Rot in den Headlines als Signalfarbe bleibt), nutzt die ZEIT eine klassische Fotokomposition, statt die Parteifarben zu ästhetisieren. Ein Beitrag muss also nicht die visuelle Identität des Gegenstands übernehmen, über den er berichtet, und kann trotzdem gut funktionieren.

Fazit: Markenarbeit sollte Aufgabe der Partei bleiben

Journalistische Gestaltung darf aufmerksamkeitsstark, ästhetisch und spielerisch sein. Doch dabei gerät leicht aus dem Blick, dass eine starke politische Marke nicht nur von aktiver Werbung lebt, sondern ebenso von Wiedererkennung. Genau dazu trägt die politische Berichterstattung durch den Einsatz der rot-blauen Farbwelt, durch Wiederholung und durch Ästhetisierung und den Schauwert bei. Das macht die Marke nicht notwendigerweise attraktiver – aber es hält sie visuell präsent. Diesen Teil der Markenarbeit sollte die redaktionelle Aufbereitung allerdings nicht übernehmen; er ist und bleibt Aufgabe der Partei selbst.

Wenn eine Redaktion jedoch im Bewusstsein dieser markenbildenden Wirkung entscheidet, die Farbwelt einer Partei in dem beschriebenen Umfang als gestalterisches Material zu verwenden, dann müsste sie fairerweise bei ihrer Berichterstattung allen konkurrierenden Parteien gleichermaßen visuelle Aufmerksamkeit zugestehen — dies insbesondere angesichts der kommenden Landtagswahlen.


Wer nach so viel politischer Farbendeutung Lust auf unbeschwerte Farbtöne hat, lese gerne weiter in meinem Beitrag: Hast du Töne.

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