Verdrehte Redewendungen Hund verfroren

Verfroren

Unterwegs an einem Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Mein Hirn biegt falsch ab, voller Überzeugung verkünde ich: „Tja, hier ist echt der Hund verfroren!“ Meine Begleitung lacht sich schlapp, denn: Was natürlich eigentlich begraben sein sollte, erlitt bei mir spontan den metaphorischen Kältetod. Seither ist der „verfrorene Hund“ in meinem Umfeld – sehr zu meinem Leidwesen – ein Running Gag geworden. Die ursprüngliche Redewendung mit dem begrabenen Hund ist ohnehin schon rätselhaft genug und mein eisiges Update doch eigentlich sehr plausibel: An so einem öden Fleckchen friert der Vierbeiner irgendwann einfach fest.

Mrs. Malaprop

Wenn das Gehirn auf diese Weise sprachlich fehlzündet, unterscheiden Sprachwissenschaftler verschiedene Arten von Fehlleistungen: Malapropismen verwechseln ähnliche Wörter, Kontaminationen verschmelzen Redewendungen, und klassische Versprecher vertauschen Laute oder Silben.

verdrehte Redewendungen

Woher stammt der Begriff Malapropismus?

Er ist auf die literarische Figur Mrs. Malaprop zurückzuführen. Die Dame in der Komödie „The Rivals“ (1775) möchte gebildet klingen, scheitert jedoch kläglich daran, weil sie ständig hochtrabende Fremdwörter verwechselt oder falsch anwendet. „Malaprop“ leitete sich vom französischen Ausdruck mal à propos ab, was so viel bedeutet wie „unangemessen“ oder „am Thema vorbei“. Eine Wortverwechslung wie Syphilisarbeit statt Sisyphosarbeit ist ein typisches komisches Beispiel.

Zu einem aktuellen Klassiker hat sich folgende Geschichte aus den Sozialen Medien entwickelt. Vor einigen Jahren ging der Screenshot einer Kundenbeschwerde viral, bei der sich jemand in feinstem Business-Sprech über einen Dienstleister echauffierte und inbrünstig kommentierte: „Ihre Mitarbeiter glänzen durch absolute Inkontinenz!“ Statt der fehlenden Fähigkeiten (Inkompetenz) attestierte der Verfasser dem Gegenüber unfreiwillig den Verlust der Kontrolle über Blase und Darm – das ultimative Futter für die schadenfrohe Netzgemeinde.

Dass ausgerechnet die Inkontinenz so mühelos in die Nähe der Inkompetenz rutscht, wirkt auf den zweiten Blick fast folgerichtig.

Ein einziges Feuchtbiotop

Kaum ein anderer Lebensbereich scheint unsere Sprache so sehr zu dominieren wie alles, was fließt, tropft, schmiert oder überläuft.

  • Wir gießen Öl ins Feuer, wenn wir eine Situation anheizen wollen.
  • Wir beklagen, dass uns das Wasser bis zum Hals steht, wenn der Stress überhandnimmt.
  • Läuft es gut, ist es hingegen Wasser auf unsere Mühlen.
  • Wer uns schmeicheln will, schmiert uns Honig ums Maul,
  • während ein Heuchler Wasser predigt und Wein trinkt.
  • Und wenn Unangenehmes ungeschminkt mitgeteilt wird, schenken wir reinen Wein ein.

Steilvorlage aus der Kabine

Besonders anfällig für sprachliche Fehlzündungen ist man dort, wo unter hohem Adrenalinspiegel gesprochen wird. Der Fußball hat über die Jahrzehnte eine beeindruckende Sammlung solcher Klassiker hervorgebracht.

Unvergessen bleibt Trainer-Legende Bruno Labbadia, der die Dynamik des Misserfolgs einst so brillant analysierte: „Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert!“ Einen meteorologischen Volltreffer landete der Österreicher Herbert Prohaska mit dem Satz: Heute haben wir uns ganz gut aus der Atmosphäre gezogen.“ Und wenn es mal richtig schlecht läuft, schmeißt ein Kicker auch schon mal das metaphorische Handtuch – oder begräbt ganz andere Dinge. Lothar Matthäus warnte einst prophetisch: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken!

Auch Giovanni Trapattoni hinterließ der Sprachgeschichte ein Denkmal. In seinem berühmten Wutausbruch erklärte er, einige Spieler seien „schwach wie eine Flasche leer“. Streng genommen kein Malapropismus, sondern eine Übersetzungsleistung mit kreativer Eigeninterpretation – aber genau deshalb bis heute unvergessen.

Der nasse Blick über die Grenze

Das Phänomen des Flüssigen ist übrigens durchaus grenzüberschreitend:

  • England: Der Ausdruck that’s water under the bridge“ für den „Schnee von gestern“ , über den ich in einem Film in OV stolperte, und den ich natürlich gleich nachschauen musste, hat sich mir sofort in mein Hirn eingebrannt. Was einmal unter der Brücke durchgeflossen ist, ist weg und abgehakt. Wenn die Briten im Eifer des Gefechts das Gute mit dem Schlechten verwerfen, greifen sie zu einem Bild, das wir uns übrigens mit ihnen teilen, und das an Drastik kaum zu überbieten ist: Throw the baby out with the bathwater – sie schütten das Kind mit dem Bade aus.
  • Frankreich: Als Au-Pair in Frankreich schockierte mich einst der Familienvater, seines Zeichens Bürgermeister des kleinen Ortes, mit dem drastischen Bild „pisser dans un violon, das eine reine Zeitverschwendung beschreibt. (Im Englischen wird da übrigens mit pissing in the wind der Freiluft gegenüber dem Musikinstrument der Vorzug gegeben.) Und wenn Franzosen einem Thema ausweichen wollen, „ertränken sie den Fisch“ –noyer le poisson“. Eine schöne, nasse Metapher für das strategische Verwässern einer Diskussion.
  • Italien: Auch hier fließt erstaunlich viel Wasser durch die Sprache. „Acqua in bocca!“ – Wasser in den Mund! heißt es, wenn ein Geheimnis bewahrt bzw. der Mund gehalten werden soll. Und wer sich von einer Kleinigkeit aus der Bahn werfen lässt, soll sich bitte nicht „in einem Glas Wasser verlieren“, „non perdersi in un bicchiere d’acqua, wo wir hingegen aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Panta rhei — alles im Fluss

Am Ende zeigen uns der verfrorene Hund, die Atmosphäre, das Wasser unter der Brücke und die Inkontinenz vor allem eines: Sprache lebt. Sie eckt an, mutiert und ist im Fluss. Und ohne diese schrägen Stolpersteine, mit denen uns unser Gehirn regelmäßig konfrontiert, wäre die Welt – und dieser Blog – ganz schön trocken.

Haben Sie auch so verdrehte Redewendungen in Ihrem Sprachgebrauch, die sich als Dauergag zementiert haben? Schreiben Sie sie mir doch mal! Und wenn Sie das Thema interessiert: Im Beitrag Oblivious lernen Sie weitere Aspekte kennen.

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