KI User Experience

Labour Illusion

Neulich im Dialog mit Claude, dem Anthropic-Bot, fiel mir wieder diese Abfolge wundersamer englischer Begriffe ins Auge, die bei der Antwort-Generierung im Hintergrund einen komplexen KI-Denkprozess zu spiegeln schien: Fathoming, Sleuthing, Sifting… Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Und ein kurzer Blick ins Wörterbuch bestätigte meinen Eindruck: ganz schön kultiviert, diese KI. Und wie gründlich sie ihre Prozessschritte nachhält! Aber ich war einer sorgfältig inszenierten Illusion aufgesessen.

Nur eine Liste

Als nächstes wollte ich aus reiner Philologenneugier von Claude wissen, welche Begriffe er für die Veranschaulichung seiner Denkprozesse nutzt. Doch statt der erwarteten schlichten Aufzählung lieferte er gleich eine Erklärung für das Phänomen, präsentiert auf seiner charakteristischen cremefarbenen Benutzeroberfläche:

KI Interfaces

Claude

„Das ist eine Spielerei der Oberfläche: Ein wechselndes, eher poetisch-verspieltes Vokabular anstelle eines nüchternen „Lädt…“, das nach jeder Anfrage neu variiert. Ich selbst wähle diese Wörter aber nicht bewusst aus – das ist eine vorab festgelegte Liste im Interface, die unabhängig davon läuft, was ich gerade tatsächlich tue. Sie sagen nichts über meinen konkreten „Gedankengang“ bei Ihrer speziellen Anzeige aus, sondern sind eher ein kleines gestalterisches Detail, damit die Wartezeit nicht so trocken wirkt.“

Da haben wir’s! So ein raffiniertes Spiel mit unserer menschlichen Psyche, eine perfekt inszenierte digitale Illusion! Dabei hatten wir doch gerade so ein wohliges Gefühl der Exklusivität und des menschlichen Abgeholt-Seins vor dem Monitor! Machen das die anderen Bot-Kollegen denn auch so?

Die Bot-Truppe: Drei Charaktere, drei Inszenierungen

Der Blick auf die Charaktere der anderen großen Dialog-KIs zeigt uns, dass hier jeder seine Rolle im digitalen Schauspiel des Anthropomorphismus (Vermenschlichung) übernommen hat:

  • Claude präsentiert sich als nachdenklicher Humanist, der im Geiste die Tweedjacke überstreift und mit Begriffen wie Fathoming oder Sleuthing die Lupe herausholt. Auf analog aussehendem Hintergrund mit Briefpapier-Charakter und redaktioneller Serifenschrift wird bewusst ein Gefühl von Seriosität und „Menschlichkeit“ transportiert. (Wie akribisch dieses visuelle Design konstruiert ist, wird hier gezeigt: Claude Clone.)
  • Dem gegenüber gibt sich ChatGPT als rationaler Technokrat. Ein schlichtes Thinking oder ähnlich sachliche Statusmeldungen hinter seinem Denkprozess müssen genügen – das Bild der unbestechlichen Rechenmaschine. Passend dazu wirft er seine Antworten neuerdings in ein streng rationales Korsett aus sehr viel Weißraum, vielen Absätzen und Einrückungen sowie auffällig kurzen Sätzen.
  • Google wiederum schickt Gemini als den Ungezwungenen ins Rennen. Das Interface empfängt den Nutzer mit einer lässigen, stets wechselnden Einladung wie „Susanne, was steht an?“ auf einem wolkig-leichten Hintergrund aus organischen blau-violetten Formen. Der Reasoning-Modus wird durch drei rhythmisch pulsierende Punkte angezeigt – ein bewusster Rückgriff auf das „Tippen“-Symbol aus der Welt der Instant-Messenger und somit eine fast noch subtilere Form der Anthropomorphisierung: Wir warten nicht auf das Ergebnis einer Rechenanalyse, sondern darauf, dass uns unser digitaler Gesprächspartner seine persönliche Nachricht tippt und schickt.

Dieselben mathematischen Grundlagen im Hintergrund, aber völlig unterschiedliche Rollenbilder in unserem Kopf – geprägt durch Markenstrategie, Produktphilosophie und die Gestaltung der digitalen Oberfläche. Welche dieser Inszenierungen uns anspricht, ist letztlich eine Frage der persönlichen Chemie. Manche bevorzugen die literarische Zurückhaltung von Claude, andere das nüchternere Auftreten von ChatGPT oder die ungezwungene Integration von Gemini. Nicht unbedingt, weil die Systeme grundlegend anders „denken“, sondern weil sie unterschiedliche Vorstellungen davon verkörpern, wie ein digitaler Gesprächspartner sein sollte.

Sherlock holmes im rechenzentrum


Wir haben es geahnt: All diese Wörter gehören keineswegs zum modernen, unterkühlten Silicon-Valley-Englisch. Zwar sind sie regulärer Teil des englischen Wortschatzes, doch im Alltag nutzt sie kaum jemand. Sie stammen aus völlig anderen Welten:

Fathoming evoziert die ozeanische Romantik alter Seefahrer-Epen – das Verb bedeutet so viel wie „ergründen“ oder „ausloten“; Sleuthing atmet den Geist viktorianischer Detektivgeschichten im Stile eines Sherlock Holmes – also „ermitteln“ oder „aufspüren“; und das aus dem Lateinischen stammende Cogitating, „nachsinnen“ oder „grübeln“, klingt so bildungssprachlich-antiquiert, dass Menschen es heute höchstens noch mit einem ironischen Augenzwinkern verwenden.

Die Entwickler hätten problemlos sachliche Tech-Begriffe wie Processing data oder Computing response wählen können. Dass sie stattdessen in die Schatzkammer der Literatur greifen, ist kein Zufall, sondern gezielter Anthropomorphismus: Sie bedienen sich der Bilder, die in unseren Köpfen verankert sind, und umgeben die kalte Rechenarbeit mit einer Kulisse von Vertrautheit und intellektueller Tiefe.

Die Illusion der harten Arbeit

In der Human-Computer-Interaction-Forschung bezeichnet man dieses Phänomen als „Labor Illusion“ – ein Konzept von den Harvard-Forschern Ryan Buell und Michael Norton (2011), das ich hier „Labour Illusion“ nenne. Es beschreibt die zutiefst menschliche Eigenart, den Wert einer Leistung danach zu bemessen, wie viel sichtbare Anstrengung in ihr steckt. Ein klassisches Beispiel aus dem analogen Alltag: Wir bezahlen beim bestellten Schlüsseldienst lieber einen Handwerker, der fünf Minuten flucht und schwitzt, als den, der unsere verschlossene Haustür in zwei Sekunden mit einem Draht öffnet. Die Anstrengung legitimiert den Preis. Und so erhöht auch die vermeintliche intellektuelle Anstrengung beim KI-Denkprozess den Wert des Ergebnisses in unserer Psyche künstlich — das Fathoming wird zum digitalen „Schweiß“ auf der Stirn der Maschine.

Vom Prozess zum Gegenüber

Was einst ein schlichter Fortschrittsbalken leistete – den unsichtbaren Vorgang hinter der Oberfläche als sichtbare Aktivität erscheinen zu lassen –, übernimmt heute der Reasoning Block mit sprachlichen Mitteln. Mit Verben des menschlichen Bewusstseins wird aus einem passiven Werkzeug in unserer Wahrnehmung ein aktiver Gesprächspartner auf Augenhöhe. Ob beabsichtigt oder nicht – diese Gestaltung hat einen psychologischen Nebeneffekt: Fehler wirken menschlicher und werden oft eher verziehen. Einem vermeintlich tiefgründig nachsinnenden Gegenüber gestehen wir Irrtümer und die so charmant benannten „Halluzinationen“ weitaus schneller zu.

Während bei einfachen Textabfragen und älteren Modellen Antworten oft schneller erzeugt werden können, als es die Labour Illusion suggeriert, hat die längere Wartezeit bei modernen Reasoning-Modellen einen realen technischen Hintergrund. Sie nutzen zusätzliche Verarbeitungsschritte, um komplexere Aufgaben systematischer zu bearbeiten. Dadurch erhöhen sich der Rechenaufwand und häufig auch die Antwortzeit. Mit zunehmender Länge eines Dialogs muss außerdem mehr Kontext verarbeitet werden.

Übrigens: Wie KI unsere eigene Kommunikation verändert, habe ich in „Höflich per Default“ betrachtet.

The Comfort of Things

Am Ende sind das sprachliche Schauspiel im Reasoning Block und das gesamte Experience Design vor allem eines: ein Spiegel unserer tiefen Sehnsüchte.. Wir suchen Resonanz, Augenhöhe und das Gefühl, einem verständigen Gegenüber zu begegnen. Ein gut gestaltetes Interface greift genau dieses Bedürfnis auf und liefert uns die passende Kulisse. Die Maschine rechnet nicht nur – sie macht sich nahbar für uns.

Dinge sind nie nur Dinge. Sie schaffen Beziehungen, erzählen Geschichten und erzeugen Geborgenheit. Auch ein Interface ist ein „Ding“, das eine Beziehungssituation herstellt. Der Bildschirm, die Farben, die Wortwahl, die kleinen Animationen – alles signalisiert: Hier findet eine Begegnung statt.

Unsere Fähigkeit, uns von Sprache, Atmosphäre und ästhetischer Gestaltung berühren zu lassen, ist eine unserer menschlichsten Eigenschaften. Die Frage ist nur, ob wir uns ihrer Wirkmächtigkeit bewusst sind – auch dann, wenn der Gesprächspartner nicht aus Fleisch und Blut besteht.

Was bleibt?

Und, wie geht es Ihnen jetzt, wo Sie das alles erfahren haben? Ein bisschen enttäuscht vielleicht? Doch ein gelegentlicher Blick hinter die Kulissen schadet nicht, denn so können wir uns darauf zurückbesinnen, mit wem – oder was – wir es da eigentlich zu tun haben. Und dürfen uns dann mit aufgeklärter Gelassenheit aussuchen, von welchem digitalen Gesprächspartner und welcher digitalen Inszenierung wir uns am liebsten verzaubern lassen.

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